Kalter Ostwind fegt über den Strand und lässt mich leicht frösteln. Das Watt unter meinen Füßen ist wellig, zu harten Wellen getrocknet. Nur ab und an sinken meine Schuhe leicht ins Watt ein. Direkt über dem Boden rauscht der Sand entlang, angetrieben vom Wind, ein Strom aus vielen kleinen Sandkörnern. Das Watt ist komplett durchsetzt von Löchern und kleinen Häufchen. Die Wattwürmer waren außerordentlich fleißig. Mit jedem Schritt in Richtung Wasser wird das Rauschen der Wellen lauter. In der Ferne entdecke ich an der Wasserkante die ersten Vögel. Einige davon sind hier nur zu Gast und nutzen diesen Ort zum überwintern. Zunächst entdecke ich einen Trupp Knutts. Nah beieinander stehend, schlafend und die Schnäbel unter den Flügeln versteckt. Doch heute bin ich nicht wegen der Knutts hier. Ein kleines Stück weiter sehe ich sie: die kleinen flinken weißgefärbten Vögel mit schwarzen Beinchen, die jeder Welle aufgeregt hinterher rennen.

Kurzer Rückblick anderthalb Jahre zuvor

Ich erinnere mich an meine erste Begegnung mit den Sanderlingen. Es war Anfang April an einem Strand in Dänemark. Sie waren in Trupps von 10 bis 50 Vögeln unterwegs und es sah aus, als würden sie jeder Welle hinterherrennen – stets darauf bedacht, keine nassen Füße zu bekommen. Kam die Welle, liefen sie schnell davon. Zog sie sich zurück, bewegten sie sich wieder näher ans Meer heran. Ganz nebenbei steckten sie ihre Schnäbel immer wieder in den Sand, um Würmer, Krebse oder Pflanzenteile zu fressen. Alle paar Minuten flog der gesamte Trupp auf, um ein paar Meter weiter das gleiche Schauspiel fortzusetzen. Ich hatte damals nicht die passende Kamera dabei, nahm mir aber fest vor, diese kleinen, wunderschönen, aufgeregten Vögel eines Tages zu fotografieren. Seitdem zieht es mich jedes Jahr im Winter ans Wattenmeer, um diesem Spektakel beizuwohnen.

18-20 cm groß

Die Sanderlinge, auch bekannt als die Strandflitzer, brüten während des kurzen arktischen Sommers im Norden der Arktis. Den Winter verbringen sie deutlich südlicher, wie zum Beispiel in Mitteleuropa an den Sandstränden des Wattenmeers. Nahezu unermüdlich rennen sie an der Wasserkante lang, stets auf der Suche nach Nahrung. Aufgrund ihrer hektischen Laufart werden sie im Plattdeutschen auch mit „Keen Tied“ bezeichnet, was so viel bedeutet wie „Keine Zeit“. Besonders beeindruckend – Sanderlinge können bis zu 60 Prozent Fett im Körper anlagern, was für einen 5000 Kilometer Non-Stop-Flug reicht. Zwischen ihren Überwinterungs- und Brutgebieten legen sie zwischen 3000 und bis über 10.000 Kilometer zurück. Ihre Brutgebiete sind allerdings sehr stark bedroht. Durch die Erderwärmung und die vorhergesagten Temperaturanstiege in der Hocharktis könnten fast ihre gesamten Nistplätze vernichtet werden.

Neben den Sanderlingen und Knutts treffe ich auch auf Trupps von Steinwälzern. Sie sind etwas größer als die Sanderlinge, aber wie ich finde, nicht ganz so süß 😉 Ein Jahr zuvor war ich bereits zur gleichen Zeit vor Ort und habe viele Steinwälzer getroffen.

Das Besondere, wenn man Orte mehrfach besucht: Man erlebt sie immer anders. Einmal war absolute Ebbe, ein andermal kam die Flut. Einmal war es eisig kalt, dafür mit wunderschönem Licht kurz vor Sonnenuntergang. Ein anderes Mal war es stürmisch und grau — und ich wurde von einem Regen-Sand-Sturm überrascht, der dazu führte, dass ich tagelang mein Kameraequipment von Sandkörnern befreien musste.

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